Öffnung des Dritten Marktes: Börsengang light für KMU

  • Mit neuen Marktsegmenten öffnet sich für KMU der Weg an die Börse Wien. Die Vorteile und Vorschriften für Klein- und Mittelbetriebe auf dem Kapitalmarkt.  In den vergangenen Jahren war hierzulande der Weg auf den Kapitalmarkt für Klein- und Mittelbetriebe durch rechtliche Hürden so gut wie versperrt. Dies ändert sich an der Wiener Börse jedoch mit 21. Jänner 2019. An diesem Tag starten die neuen Marktsegmente „direct market“ und „direct market plus“, die speziell auf Jungunternehmen und österreichische KMU zugeschnitten sind. In diesen Einstiegssegmenten – dem sogenannten Dritten Markt – gelten abgespeckte Regeln. Damit soll der Zugang für KMU an die Wiener Börse erleichtert werden. Klein- und Mittelbetriebe erhalten dadurch die Möglichkeit, die eigenen Aktien handelbar zu machen und auf dem Kapitalmarkt Geld aufzunehmen. Man kann von einem Börsengang light sprechen. Im Oktober 2018 verabschiedete der Nationalrat entsprechende Änderungen, die regulatorisch den Weg dazu frei machten.

Vorteile für KMU

    • Eine Börsennotierung bringt einen verbesserten Zugang zu Eigenkapital und ein höheres potenzielles Investoreninteresse. Die Wiener Börse sieht die neuen Marktsegmente als möglichen ersten Schritt für viele KMU in Richtung Wachstum und Kapitalaufnahme.
    • Durch ein Börsenlisting erhöht sich auch die Wahrnehmung des Unternehmens in der Öffentlichkeit. Es hat eine höhere Präsenz bei Stakeholdern (Lieferanten, Kunden, Mitarbeitern). 
    • Durch die Preisbildung der Aktien erfolgt eine laufende Bewertung des Unternehmens.
    • Laut Angaben der EU-Kommission entwickeln sich börsennotierte Unternehmen deutlich besser als im privaten Eigentum stehende Unternehmen.

Was ist der Dritte Markt?

  • An der Wiener Börse gibt es zwei Zugänge zum Kapitalmarkt. Einerseits den EU-regulierten Markt, also die Segmente „prime market“ und „standard market“, anderseits den börsenregulierten Markt, somit den Dritten Markt als Multilateral Trading Facility. Dieser unterliegt nur den von der Börse Wien selbst auferlegten Allgemeinen Geschäftsbedingungen und umfasst die neuen Marktsegmente „direct market“ und „direct market plus“. Die Informationspflichten der Unternehmen sind dort wesentlich geringer als im EU-regulierten Markt. Außerdem verspricht die Börse für den Dritten Markt raschere und einfachere Prozesse, um gelistet zu werden.

Welche Vorschriften gelten nun für KMU und Start-ups, damit sie am Dritten Markt gelistet sein können?

    • Das Unternehmen muss eine Aktiengesellschaft sein. Für „direct market plus“ gilt, dass es ein Jahr gelistet sein muss, d.h. die AG muss es bereits seit einem Jahr geben. Im Segment „direct market“ besteht hingegen keine Mindestbestandsdauer.
    • Ein Mindeststreubesitz, also eine ausreichende Anzahl an verschiedenen Aktionären, ist erforderlich – laut Wiener Börse ein „niedriger zweistelliger Bereich“. 
    • Die Börsengebühren sind im Vergleich zum EU-regulierten Markt geringer. Sie betragen einmalig 5.000 Euro für die Einbeziehung sowie jährlich 1.000 Euro.
    • Die Ad-hoc-Publizität, die Pflicht zur Veröffentlichung von Eigengeschäften von Führungskräften sowie die Verpflichtung zur Führung von Insiderverzeichnissen für die Emittenten sind auch in den beiden neuen Segmenten zu beachten.
    • Beim „direct market plus“ kommen weitere Voraussetzungen dazu, unter anderem ein veröffentlichter Jahresabschluss, ein Halbjahresbericht, die Veröffentlichung eines Unternehmenskalenders im Internet und die Begleitung des Unternehmens durch einen Capital Market Coach.
    Die Börse Wien hält einen Coach vor allem für Unternehmen wichtig, die noch keine Erfahrung am Kapitalmarkt haben. Die Betreuung dieses Experten fängt bei der Umgründung in eine AG an, umfasst die definitive Vorbereitung für die Zulassung, die informelle Abstimmung mit der Wiener Börse sowie das Erstellen der erforderlichen Unterlagen. Vor diesem Hintergrund können sich KMU mit entsprechendem Finanzierungsbedarf nun vertieft mit der Variante Börsengang beschäftigen.

Hintergrundwissen: Öffnung des Dritten Marktes

  • Seit dem Gesellschaftsrechtsänderungsgesetz von 2011 durften Inhaberaktien nur von Aktiengesellschaften ausgegeben werden, die an einem EU-geregelten Markt notieren. Alle anderen AG mussten aufgrund von Geldwäscheregelungen ausschließlich auf Namensaktien zurückgreifen, also Aktien, die auf den Namen eines bestimmten Aktionärs lauten. So ein Namensregister ist für kleinere und weniger reglementierte Segmente wie den Dritten Markt aber zu aufwendig. Der EU-regulierte Markt erweist sich aufgrund seiner umfassenden Pflichten für Emittenten und Regulierungen für die meisten KMU und Start-ups jedoch als ökonomisch nicht sinnvoll. Mit der Gesetzesänderung im Oktober 2018 wurde nun eine Regelung gefunden, die den dritten Markt wieder für KMU und Start-ups öffnet.